Von einem exemplarischen Fall einer solchen „kognitiven Verzerrung der Wahrnehmung“, wie die Psychologen dieses Phänomen bezeichnen, berichtet die griechische Mythologie. Wir kennen die Geschichte von Ikarus, der mit seinem selbst gebastelten Flugapparat aus Federn und Wachs aus reinem Übermut zu hoch hinaufwollte. Dabei kam er der Sonne zu nahe, das Wachs schmolz, die Federn lösten sich von seinem Fluggerät und Ikarus stürzte ins Meer. Seither gilt der Kreter als schlechtes Beispiel für Leichtsinn und gab der Volksweisheit „Hochmut kommt vor dem Fall“ Futter.

Auf den Verkehrsbereich übertragen kann man dieses geflügelte Wort abändern in „Selbstüberschätzung kommt vor dem Unfall“. Oder mit den Worten der Verkehrspsychologen ausgedrückt: Die Überbewertung eigener Kompetenz am Steuer und die Unterbewertung bis zur Bagatellisierung von Unfallgefahr sind tatsächlich sehr häufige Phänomene beim Autofahren. Zu einer derart verzerrten Wahrnehmung kann es leicht kommen, wie Dr. Holte erläutert, wenn Autofahrer bzw. Autofahrerinnen bislang noch keinen Unfall verursacht haben und ihnen alle – insbesondere riskante – Fahrmanöver gelungen sind. Oder wie man an der Stelle wohl treffender formulieren könnte: weil die gefährlichen Fahrmanöver mit viel Glück noch nie schiefgegangen sind. Dann resultiert bei den Betroffenen aus solchen Erlebnissen vielfach die Überzeugung, selbst ein Teufelskerl von Autofahrer zu sein, statt die Einsicht, nur dank Fortuna noch einmal davongekommen zu sein.

So führt ein Mangel an Selbstkritik bzw. Selbsterkenntnis am Ende zu gefährlicher Selbstüberschätzung. Derartiges geschieht nach den Erfahrungen der Fachleute vor allem auch dann, wenn das eigene Urteil und die Wahrnehmung von Geschwindigkeiten und Entfernungen etwa durch Alkohol, Drogen oder Müdigkeit „getrübt“ sind, wie Dr. Holte erklärt. Typisch dafür ist die leider viel zu häufig vorkommende Situation, dass eine Person am Steuer eigentlich viel zu müde zum Fahren ist, aber anstatt eine Erholungspause einzulegen, weiterfährt – in der Überzeugung, noch alles im Griff bzw. Blick zu haben. Wie oft das nicht zutrifft, belegen die vielen Unfälle infolge Sekundenschlafs oder Übermüdung. Nach Angaben des ADAC kam es im Jahr 2020 zu 1.448 Unfällen mit Verletzten oder Toten durch übermüdete Fahrer.

Ein weiteres höchst bedenkliches Urteil über Fehleinschätzungen von Kraftfahrern fällt der Psychologe Klaus Peter Kalendruschat vom TÜV Nord: „Übermäßiges Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten haben vor allem diejenigen, die am wenigsten Grund dazu haben“, stellt der Experte gegenüber der Saarbrücker Zeitung fest. Er bringt die Tendenz zur Selbstüberschätzung knapp auf den Punkt mit der Feststellung: Schlechte Autofahrer halten sich häufig für die besten. Und die sind zudem in der Regel noch fest davon überzeugt, dass die anderen alle unfähig sind.

 Die Ursachen für diese falsche Selbstwahrnehmung haben die Psychologen Justin Kruger und David Dunning von der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York untersucht. Sie kamen dabei zu dem Resultat, dass man offenbar bestimmte Fähigkeiten als Voraussetzung dafür benötigt, um die eigenen Fähigkeiten überhaupt realistisch beurteilen zu können. Dieses Phänomen ist inzwischen als Dunning-Kruger-Effekt Stand der Wissenschaft: Demnach erkennt man eigenes Unvermögen umso schlechter, je weniger man sich auf einem Gebiet auskennt. Oder andersherum: Inkompetente Menschen überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten auffällig oft, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Übertragen auf den Straßenverkehr bedeutet diese Erkenntnis salopp formuliert, dass sich die schlechtesten Kraftfahrer vielfach für verkappte „Michael Schumacher“ halten. Dementsprechend kann man es in Fahrsicherheitstrainings oft erleben, dass die Forsch-Selbstbewussten bei der Simulation des Grenzbereichs ihres Fahrzeugs als Erste „den Abflug machen“, während die Vorsichtig-Defensiven besser abschneiden.

Beim Autofahren sei der Dunning-Kruger-Effekt besonders ausgeprägt, warnt TÜV-Nord-Psychologe Kalendruschat. Denn diese Fertigkeit verbinde man mit Autonomie und Erwachsenwerden, begründet er seine These. Im Sinne der allgemeinen Verkehrssicherheit dürfe man die an Selbstüberschätzung leidenden Menschen jedoch nicht in ihrem Irrglauben lassen, meint der Experte, weil die falsche Einschätzung der eigenen Fähigkeiten am Steuer die Risikobereitschaft steigert. Kalendruschat hält es deshalb für sinnvoll, Kraftfahrern die Einsicht zu vermitteln, dass in vielen kritischen Situationen auch die besten Fahrkünste nichts mehr helfen. Denn wer sich dies bewusst macht, fährt vorsichtig und vorausschauend, meint der Psychologe.

Vielleicht bedarf es jedoch eines so starken Intellekts wie dem des Philosophen Sokrates, um zu der Erkenntnis zu gelangen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Damit könnte sich im Straßenverkehr allerdings einiges zum Besseren verändern. 

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