
Kinder gelten im Straßenverkehr als besonders gefährdet, weil sie Geschwindigkeiten, Entfernungen und Gefahren generell nicht so gut einschätzen können wie Erwachsene. Denn Kinder sehen und hören anders als erwachsene Menschen. Erst nach und nach entwickeln sich die Wahrnehmungssinne der Kleinen. Zudem lassen sich Kinder schnell ablenken, wie die Deutsche Verkehrswacht erläutert. Und nicht zu vergessen: Aufgrund ihrer noch geringeren Körpergröße können Kinder vielfach weniger sehen als Erwachsene – und werden nur allzu oft auch übersehen.
Der Straßenverkehr fordert Kinder mit allen Sinnen, betont die Deutsche Verkehrswacht und verdeutlicht: Die Kleinen müssen sehen, hören, sich mit anderen verständigen, Zeichen geben, beurteilen und Entscheidungen treffen. Im Kindergartenalter sind sie davon sehr schnell überfordert. Der Verkehr verlangt ihnen Fähigkeiten ab, die sie noch nicht besitzen. Deshalb sind Kinder bis zur Einschulung besser nicht alleine im Straßenverkehr unterwegs.
Kinder erkennen Gefahr zu spät
Mit Beginn des schulfähigen Alters können Kinder gefährliche Situationen im Straßenverkehr dann besser erkennen, wie der „Schulwegtrainer“ der Landesverkehrswacht Baden-Württemberg (BW) und der Unfallkasse BW erklärt. Danach registrieren Schulkinder Gefahr allerdings erst in dem Moment, in dem sie bereits eingetreten ist. Dann ist es jedoch oft schon zu spät, um noch sicherheitsbewusst reagieren zu können, so der „Schulwegtrainer“. Eine riskante Situation zu vermeiden, lernen Kinder demnach erst allmählich ab dem achten Lebensjahr. Ab dann können sie sich vorstellen, welche Folgen eine Verkehrssituation haben kann. Eine Gefahr bewusst zu vermeiden, sind Kinder nach Auskunft der Experten erst mit neun oder zehn Jahren in der Lage. Dann können sie im Sinne von Sicherheit handeln und einer möglichen Gefahr aus dem Weg gehen.
Doch das klappt eben leider auch nicht immer, wie die Statistiken der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) ausweisen. Danach stieg die Zahl der Schulwegunfälle im ersten Halbjahr 2025 um rund fünf Prozent gemessen am Vergleichszeitraum des Vorjahres. Laut den zuletzt veröffentlichten vorläufigen DGUV-Zahlen ereigneten sich in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres 42.303 Unfälle auf dem Schulweg. Zur besseren Einordnung: Im ersten Halbjahr 2024 kam es zu 40.416 Schulwegunfällen.
Trotz des aktuellen Anstiegs der Unfallzahlen befürworte die gesetzliche Unfallversicherung sehr, dass Kinder lernen, den Schulweg selbstständig zu bewältigen, kommentierte DGUV-Hauptgeschäftsführer Dr. Stephan Fasshauer die Daten der Statistik. Denn der Schulweg sei voller Lernerfahrungen, die sowohl soziale als auch Risikokompetenzen stärkten, begründet Fasshauer seine Aussage. Davon profitiere man auch später im Erwachsenenalter enorm, fügt er hinzu.
Schulwege sollten Fehler verzeihen
Voraussetzung hierfür ist aus Sicht der DGUV allerdings, dass das Verkehrssystem konsequent an den Maximen der „Vision Zero“ ausgerichtet wird, also an der Vision einer Welt ohne schwere und tödliche Unfälle. „Fehler gehören zum Lernen dazu. Daher müssen Schulwege so gestaltet sein, dass Fehler nicht zu schweren Unfällen führen“, postuliert der DGUV-Hauptgeschäftsführer. Er appelliert an Eltern und Lehrkräfte, Kinder dabei zu unterstützen, wichtige Verkehrsregeln, Verkehrszeichen und typische Gefahrenstellen auf dem Schulweg zu verinnerlichen.
Zumindest in der Schule wird nach dem Ergebnis der aktuellen Befragung der ADAC-Stiftung jedoch zu wenig Zeit für die Verkehrssicherheitserziehung von Schulkindern aufgewendet. Verkehrssicherheit ist zwar vor allem in den Grundschulen fester Bestandteil des Unterrichts. Dort widmen die Lehrerinnen und Lehrer laut der Erhebung mehr als 13 Unterrichtsstunden pro Jahr der Mobilitätsbildung. Das reicht nach ihrer Einschätzung jedoch nicht aus, um den Kindern die nötigen Kompetenzen für sicheres Verhalten im heutigen Straßenverkehr zu vermitteln.
Mit 47 Prozent leidet der Umfrage zufolge nahezu jedes zweite Kind unter erheblichen Aufmerksamkeitsdefiziten im Straßenverkehr. Und mehr als ein Drittel der Kinder (36 Prozent) hat Schwierigkeiten, in entscheidenden Momenten richtig zu reagieren. Das sind besorgniserregende Zahlen, wenn man hinzu bedenkt, dass der Verkehr nicht nur mehr, sondern auch vielfältiger wird, wie die Vorständin der ADAC-Stiftung, Christina Tillmann, hervorhebt. „Leise E-Autos, Roller oder Lastenräder stellen zudem neue Anforderungen an Aufmerksamkeit und Orientierung von Kindern“, stellt sie fest. „Sie brauchen deshalb mehr Zeit, um zu lernen, sich sicher und gleichzeitig selbstständig in dieser komplexeren Mobilitätswelt zu bewegen“, sagt Tillmann.
Sie betont in dem Zusammenhang, dass insbesondere der Weg zur Schule in der Gruppe der 6- bis 14-Jährigen risikobehaftet ist. Von den im Jahr 2024 im Straßenverkehr verunfallten 27.260 Kindern dieser Altersgruppe kamen 13 Prozent zwischen 7 und 8 Uhr morgens zu Schaden.
Die von der ADAC-Stiftung befragten Lehrkräfte wünschen sich vor diesem Hintergrund deutlich mehr Unterrichtsstunden für Mobilitätsbildung. In der Grundschule halten sie 18 Stunden pro Jahr für angemessen – das sind rund fünf mehr als heute in der Praxis üblich. Eine ähnlich große Lücke klafft demnach in den Klassen fünf und sechs an weiterführenden Schulen. Dort soll es derzeit lediglich gelingen, durchschnittlich sechs Stunden pro Jahr in den Unterricht zu integrieren. Notwendig sind nach Auffassung der Lehrkräfte jedoch elf Stunden pro Jahr.
Zu wenig Ressourcen
Das größte Hindernis für angemessenen Verkehrsunterricht sehen rund 40 Prozent der von der ADAC-Stiftung befragten Lehrkräfte in zu geringen zeitlichen Ressourcen. Weitere 28 Prozent wünschen sich mehr finanzielle Mittel, jeweils 25 Prozent beklagen unzureichende Infrastruktur, fehlende Unterstützung kommunaler Stellen und mangelnde Verankerung in den Lehrplänen.
Interessant erscheint in dem Zusammenhang, dass in einer bundesweiten Umfrage des DGUV neun von zehn befragten Eltern den Schulweg ihres Kindes als sehr sicher oder eher sicher einstufen. Nur eine Minderheit blicke darauf mit Misstrauen, berichtet die Gesetzliche Unfallversicherung. Dieses Misstrauen scheine nicht nur am persönlichen Sicherheitsgefühl zu liegen, erklärt die Leiterin des DGUV-Sachgebiets Verkehrssicherheit in Bildungseinrichtungen Sabine Bünger. Denn zum einen gab in der Erhebung rund ein Drittel der befragten Eltern an, dass ihr Kind in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal eine gefährliche Situation auf dem Schulweg erlebt habe. Zum anderen berichteten jene Eltern, die den Schulweg als unsicher ansehen, deutlich häufiger von Gefahrenstellen wie fehlenden Radwegen, schwer einsehbaren Kreuzungen oder maroden Straßen, teilt die DGUV mit. Auch 45 Prozent der Lehrkräfte beobachten laut Umfrage sehr häufig oder häufig gefährliche Situationen im Umfeld ihrer Schule, 34 Prozent gelegentlich.
Links
- https://www.zeit.de/mobilitaet/2026-05/schulkinder-sicherheit-strassenverkehr-unfaelle-adac-gxe
- https://presse.adac.de/meldungen/adac-stiftung/adac-stiftung/kinder-im-strassenverkehr-ueberfordert-lehrkraefte-fordern-mehr-mobilitaetsbildung-im-unterricht.html
- https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/unfall-versicherung-schulweg-elterntaxis-100.html
- https://www.dguv.de/de/mediencenter/pm/barometer-bildung-2025.jsp
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