Fit und sicher in die Motorradsaison

Es ist wie Radfahren, man verlernt es nicht, glauben offenbar viele Motorradfahrer, wenn sie ihre Maschine aus dem Winterschlaf wecken. Sobald Frühlingswetter dazu einlädt, die ersten Kilometer des Jahres unter die Reifen zu nehmen, schwingen sie sich auf ihr Bike und fahren los. Zuvor haben sie vielfach bereits einige Stunden darauf verwendet, ihr Fahrzeug technisch durchzuchecken und auf Vordermann zu bringen. Immerhin hat das Motorrad oft rund ein halbes Jahr Standzeit hinter sich. Dass Fitmachen vor den ersten Ausfahrten auch für den oberen Teil eines Zweirades angesagt sein könnte, kommt zu vielen Bikern nicht in den Sinn. Die Folge dieses Leichtsinns sind gerade zu Beginn der Saison oft mehr und schwere Unfälle, wie der Vorsitzende des Bundesverbands der Motorradfahrer, Michael Lenzen, warnt.

Generell ist die Zahl der Toten bei Unfällen von Personen, die mit einem Kraftrad unterwegs waren, im vergangenen Jahr zurückgegangen, wie das Statistische Bundesamt ausweist. Das schreiben Experten zum Teil besseren Assistenzsystemen zu. Dagegen sei die Zahl der Motorradunfälle laut der aktuellen Verkehrsunfallstatistik gestiegen. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise, das mit der Eifel und der Region um den Nürburgring bei Bikern besonders beliebte Gebiete aufweist, erhöhte sich die Zahl der Motorradunfälle von 3064 auf 3462, wie die Rheinische Post (RP) jüngst berichtet.

Fehlende Fahrpraxis

Gerade auf kurvigen Landstraßen verlieren zu Jahresbeginn noch ungeübte Biker dann oft die Kontrolle über ihr Fahrzeug. Nicht umsonst gelten bei der Polizei, wie auch bei anderen Verkehrssicherheitsexperten, mangelnde Fahrpraxis nach der Winterpause, Selbstüberschätzung und nicht angepasste Geschwindigkeit als häufige Unfallursachen bei Motorradunfällen – insbesondere während der ersten Touren zum Saisonstart. Deshalb raten die Fachleute immer wieder zu Fahrsicherheitstrainings. Diese seien ein entscheidender Baustein, um die Unfallzahlen zu senken, zitiert die Rheinische Post auch Motorradfahrer-Verbandschef Lenzen.

Er betont, dass die Fahrtrainings Neu- und Wiedereinsteigern, jungen wie alten Fahrern helfen, ihre Maschine zu beherrschen, sich im geschützten Rahmen mit ihren Eigenschaften und Grenzbereichen vertraut zu machen. Das bringe für den Alltag ein Plus an Sicherheit und Souveränität, sagt Lenzen der RP. „Und souveräne Fahrer fahren nicht nur sicherer, sie fahren auch bewusster“, unterstreicht er. Allerdings sei hier auch mehr Unterstützung seitens der Politik gefragt, was bezahlbare Angebote und überhaupt geeignete Plätze angehe, mahnt der Vorsitzende des Bundesverbands der Motorradfahrer. Da gebe es großen Nachholbedarf, bedauert er.

Ellipsen fördern Biker-Sicherheit

Deutliche Zustimmung des Verbandschefs finden dagegen Bemühungen der nordrhein-westfälischen Landesregierung, mit Kampagnen und Projekten die Sicherheit auf den Straßen zu erhöhen. Hierzu greift die RP einen bislang bundesweit einmaligen Verkehrsversuch mit speziellen Fahrbahnmarkierungen auf, den der Landesbetrieb Straßen.NRW und die RWTH Aachen auf der „Panoramastraße“ L218 in der Gemeinde Hürtgenwald im Kreis Düren vor drei Jahren gestartet haben und der immer noch läuft: In Kurven sollen auf der Straße aufgemalte Ellipsen dafür sorgen, dass Motorradfahrer diese an der rechten Seite umfahren, auf ihrer Spur bleiben und die Kurven nicht schneiden, so die Zeitung. Offenbar ist das Projekt erfolgreich, denn die Unfallzahlen seien dort seither deutlich zurückgegangen und die Fahrer zudem langsamer unterwegs, berichtet die RP. Ähnliche Fahrbahnmarkierungen gibt es demnach schon seit Jahren erfolgreich in anderen Ländern, etwa in Luxemburg, Österreich und Schottland. „Wir hoffen, dass sie auch hierzulande bald angewendet werden dürfen“, erklärt Verbandschef Lenzen dazu.

Mehr Sicherheit für Motorradfahrer sollen auch Verbesserungen der Infrastruktur bewirken, wie etwa der sogenannte Euskirchener Unterfahrschutz bei Schutzplanken. Diese Weiterentwicklung der traditionellen Leitplanke mildert, wie Experten versichern, deutlich die dramatischen Folgen, die der „Körperanprall gegen Schutzplanken beim Verkehrsunfall motorisierter Zweiräder“ (so der Titel einer wegweisenden Studie des Instituts für Zweiradsicherheit (ifz)) verursacht. Doch eine flächendeckende Einführung von Unterfahrschutzsystemen lehnte der deutsche Bundestag 2019 ab – vermutlich aus Kostengründen, wie die Zeitschrift „Motorrad“ annimmt.

Letztlich ist es jedoch auch immer Aufgabe eines jeden einzelnen Motorradfahrers, bestmöglich für seine Sicherheit zu sorgen. Dazu kann z. B. gehören, sich zu Saisonbeginn auf einer freien Parkfläche oder in einer verkehrsarmen Zone erst wieder mit der Maschine vertraut zu machen, wie die Prüf- und Gutachterorganisation Dekra empfiehlt. Auch der ADAC rät zu mentaler und körperlicher Vorbereitung auf die ersten Touren. Denn nicht nur das Motorrad müsse aus dem Winterschlaf erwachen, betont der Verkehrsclub. Oder wie es NRW-Innenminister Herbert Reul formuliert: „Oft ist nicht nur das Motorrad ein wenig eingerostet, sondern auch der Mensch!“

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