
Gebrauchtteile können einen messbaren Beitrag zum Klimaschutz und zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft leisten. Das machten die Expertinnen und Experten beim diesjährigen Verkehrsgerichtstag deutlich. So sieht es auch die Versicherungswirtschaft. Sie erhofft sich von gebrauchten Ersatzteilen nicht zuletzt eine Trendumkehr bei den in der Vergangenheit spürbar emporgeschnellten Kosten für die Reparatur von Kraftfahrzeugen. Denn steigende Ersatzteilpreise und hohe Werkstattkosten treiben seit Jahren die Ausgaben der Kfz-Versicherer für Autoreparaturen in die Höhe, wie der Branchen-Dachverband GDV beklagt. Die Folge für die Versicherten: steigende Beiträge.
Es gebe seit Jahren die Tendenz, dass sowohl die Werkstattkosten als auch die Ersatzteilpreise viel schneller steigen als die allgemeine Inflation, bringt GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen das Problem immer wieder auf den Punkt. Er kritisiert in dem Zusammenhang insbesondere den Designschutz für Autohersteller: Dieses Quasi-Monopol für sichtbare Ersatzteile wie Kotflügel, Scheinwerfer oder Kofferraumklappen habe sich zu einer regelrechten Kostenfalle für Autofahrerinnen und Autofahrer entwickelt, da die Hersteller die Preise fast nach Belieben diktieren könnten, moniert der GDV-Sprecher. (Das Goslar Instituts berichtete: www.goslar-institut.de).
Mehr als 400.000 Tonnen CO2 einsparen
Nun sollen also gebrauchte Ersatzteile zur Lösung dieser Problematik beitragen – auch aus ökologischen Gründen. Allein in Deutschland ließen sich jährlich mehr als 420.000 Tonnen CO₂ einsparen, wenn geeignete Ersatzteile systematisch wiederverwendet würden, bescheinigt die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des GDV, Anja Käfer-Rohrbach, den Gebrauchtteilen ein „großes Potenzial für nachhaltige Reparaturen“. Dafür braucht es allerdings Qualität, Sicherheit und Verlässlichkeit, betont Käfer-Rohrbach. Voraussetzung dafür sollen aus Sicht der Versicherungswirtschaft klare Qualitätskriterien, transparente Haftungsregeln und nicht zuletzt die notwendige Akzeptanz bei Kundinnen und Kunden sein. Die sehen jüngste Umfragen als mehrheitlich gegeben an.
An die Spitze der Versicherer, die den Einsatz gebrauchter Ersatzteile bei Autoreparaturen fördern, um Kosten zu senken und die Umwelt zu schonen, hat sich die Allianz mit ihrem „GreenPart“-Programm gesetzt. Die Gesellschaft sieht nach eigenen Angaben in nachhaltigen Autoreparaturen „ein riesiges Potenzial um Energie zu sparen, Abfall zu vermeiden, Materialien und Ressourcen zu schonen – sowie die Kosten zu senken“. Laut einer aktuellen Studie zum Thema „Repair, Reuse or Replace“, die das Allianz Zentrum für Technik (AZT) von der britischen Vehicle Recyclers Association (VRA), der auf Nachhaltigkeit spezialisierten Unternehmensberatung Oakdene Hollins und dem Recycling-Unternehmen Synetiq durchführen ließ, erweist sich die Reparatur eines beschädigten Autoteils als am klimafreundlichsten, vor dem Ersatz durch ein Gebrauchtteil und dem Austausch gegen ein Neuteil.
Am Beispiel der Tür eines Volkswagen ID.3 errechneten die Autoren der Studie mit 36,7 kg die niedrigsten CO2-Emissionen für die Reparatur des beschädigten Teils. Der Einbau einer gebrauchten Autotür oder eines aufbereiteten Ersatzteils verursacht demnach fast 44 kg Emissionen des klimaschädlichen Treibhausgases und beim Ersatz durch eine neue Autotür sollen 112 kg CO2 entstehen, wie die Tagesschau erläutert.
Danach ist die Hauptemissionsquelle bei der Verwendung gebrauchter Ersatzteile das Lackieren inklusive des Aushärtens. Bei neuen Teilen hingegen soll der Studie zufolge vor allem die energieintensive Stahlherstellung die CO2-Bilanz verschlechtern.
Notwendiger Rechtsrahmen vorhanden
Doch sind Gebrauchtteile tatsächlich das geeignete Mittel, um Reparaturen so einfach nachhaltiger zu machen und ganz nebenbei die Versicherer aus der Verlustzone holen? Grundsätzlich könnten Unfallschäden mit gebrauchten Ersatzteilen fachgerecht und vollständig behoben werden, sofern diese technisch gleichwertig und zumutbar verfügbar sind, erklärt der GDV. Auch die geltenden rechtlichen Maßstäbe erlaubten Reparaturen mit gebrauchten Ersatzteilen bereits heute, stellt der Verband fest. Maßgeblich sei auch nicht das Alter eines Teils, sondern seine Qualität, Sicherheit und Eignung im konkreten Fall, verdeutlicht die stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Verbandes, Anja Käfer-Rohrbach. Sie sieht somit den notwendigen rechtlichen Rahmen gesetzt. Diese Einschätzung wurde auch beim jüngsten Verkehrsgerichtstag bestätigt.
Immerhin hat auch der Bundesgerichtshof (BGH) in zwei Urteilen (vom 14.10.2010 – VI ZR 231/09 und vom 16.11.2021 – VI ZR 100/20) schon klargestellt, dass der Einsatz von Gebrauchtteilen grundsätzlich den Anforderungen an eine sach- und fachgerechte Instandsetzung entsprechen kann. Allerdings schränkten die Richter ein, dass die Verwendung von Gebrauchtteilen nicht zum Nachteil von Geschädigten erfolgen dürfe. Wenn eine „nachhaltige“ Reparatur letztlich schlechtere Qualität, längere Standzeiten und rechtliche Auseinandersetzungen sowie (Haftungs-)Risiken bedeute, sei dies nicht akzeptabel, leiten Juristen aus den BGH-Urteilen ab.
„Jetzt geht es darum, praktikable Standards und Akzeptanz in der Praxis weiterzuentwickeln“, fordert Käfer-Rohrbach. Zu den erwünschten klaren technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zählt der GDV unter anderem eine geeignete Auswahl von Bauteilen, transparente Qualitätskriterien sowie eindeutig geregelte Garantie- und Gewährleistungsfragen. „Nachhaltigkeit im Schadenmanagement braucht Verlässlichkeit – für Werkstätten ebenso wie für Versicherer“, betont Käfer-Rohrbach. Nur mit klaren Regeln zu Qualität und Haftung könnten Gebrauchtteile dauerhaft Teil der Routine werden, ist sie überzeugt. So soll etwa in Leasingverträgen sowie in Garantiebedingungen der Fahrzeughersteller ausdrücklich geregelt werden, unter welchen Voraussetzungen der Einsatz gebrauchter Ersatzteile bei fachgerechter Reparatur zulässig ist. Das schaffe Rechtssicherheit für Fahrzeughalterinnen und -halter, Werkstätten und Versicherer, meint der GDV.
Vorbilder Frankreich, Großbritannien und Niederlande
Wie „nachhaltiges Reparieren“, über das hierzulande noch diskutiert wird, in der Praxis schon funktioniert, machen in Europa Großbritannien, Frankreich und die Niederlande vor. In Frankreich beispielsweise haben Werkstätten ihren Kunden immer auch ein Reparaturangebot auf der Basis von Gebrauchtteilen abzugeben, wie die Zeitschrift „Auto, Motor, Sport“ berichtet. Danach entscheiden sich viele Franzosen für die im Schnitt rund 300 Euro günstigeren Recycling-Reparaturen – mit der Folge, dass dort mehr Altautos professionell zerlegt werden als hierzulande. Laut dem Bericht sollen in Frankreich von 40 Millionen zugelassenen Autos pro Jahr rund 1,2 Millionen zur Entsorgung anfallen. In Deutschland sind es demnach nur rund 300.000 bei etwa 50 Millionen zugelassenen Pkw…
In den Niederlanden und Großbritannien wiederum gibt es ebenfalls staatliche Vorgaben, die die Wiederverwendung von Autoteilen bei Kfz-Reparaturen fördern sollen. Auch in diesen Ländern existieren folgerichtig funktionierende Ersatzteilmärkte.
Nicht so in Deutschland, wo Altautos eher ins Ausland verkauft werden. Das würden die Versicherer gern ändern, zum Wohl ihrer Bilanzen wie auch der Umwelt. Deshalb wollen die Unternehmen, allen voran die Allianz, die hierzu mit einer Plattform für gebrauchte, zertifizierte Autoteile zusammenzuarbeiten beabsichtigt, das Angebot gebrauchter Ersatzteile stärken. Auch auf europäischer Ebene zeichne sich der politische Wille klar ab, Maßnahmen zur Wiederverwendung, Wiederaufarbeitung und Überholung gebrauchter Ersatzteile gezielt zu fördern, stellt der GDV hierzu fest. Daher dürfe der Markt für Gebrauchtteile weiter an Bedeutung gewinnen, erwartet der Branchendachverband.
Links
- https://www.gdv.de/gdv/medien/medieninformationen/klimafreundlicher-reparieren-rechtssicherheit-und-qualitaet-entscheidend-fuer-reparaturen-mit-gebrauchtteilen-195612
- https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/klimabilanz-reparatur-autotuer-100.html
- https://www.azt-automotive.com/de/themen/Aktuelle-Studie-zum-Einsatz-von-aufbereiteten-Ersatzteilen
- https://www.swr.de/leben/verbraucher/ard-marktcheck/gebrauchte-ersatzteile-fuer-autos-sind-gut-fuers-klima-100.html
- https://www.adac.de/rund-ums-fahrzeug/reparatur-pflege-wartung/wartung-inspektion/gebrauchte-auto-ersatzteile-ratgeber/
- https://www.swr.de/leben/verbraucher/versicherung-erlaubt-gebrauchte-ersatzteile-auto-reparatur-kfz-schaden-100.html
- https://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/unfallschaeden-ist-reparieren-mit-gebrauchtteilen-wirklich-billiger/
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