TÜV-Verband legt Sieben-Punkte-Plan für sichere autonome Mobilität vor

Zur Zukunft der Mobilität gehört autonomes Fahren. Darin stimmen die meisten Prognosen überein. Doch autonomes, oder besser hoch- bzw. vollautomatisiertes Fahren, wie man es auch bezeichnet, ist längst keine Zukunftsvision mehr. Laut Planungen sollten fahrerlose Autos in Deutschland eigentlich schon längst am Straßenverkehr teilnehmen, wie der ADAC in einer Standortbestimmung festhält. Denn schon seit vielen Jahren sind die Ingenieure fast aller Autohersteller mit Plänen zum automatisierten und hochautomatisierten Fahren unterwegs, berichtet der Automobilverband. Doch der ambitionierte Zeitplan zum vollkommen autonomen Fahren habe sich bei uns immer wieder verschoben. Offenbar seien sowohl die zu entwickelnde Technik aufseiten der Autohersteller wie auch die Rechtslage aufseiten der Gesetzgebung komplexer als gedacht, mutmaßt der ADAC zu den Ursachen der Verzögerung.

Die Vision, dass Autos ihre Passagiere vollkommen autonom chauffieren, leuchte hierzulande nur sehr blass, stellt der Mobilitäts-Verband fest. In den USA sieht er die Entwicklung des autonomen Fahrens hingegen deutlich weiter. Und auch China ist in diesem Bereich inzwischen sehr engagiert.

Energieeffizienter und sicherer

In der Mobilität der Zukunft werden autonome Fahrzeuge eine bedeutende Rolle spielen, bestätigt ebenfalls die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren. Vor allem im Last- und öffentlichen Nahverkehr könnten hochautomatisierte Fahrzeuge einen großen gesellschaftlichen Mehrwert bringen, meint Tobias Hesse vom DLR-Institut für Verkehrssystemtechnik. Weil autonome Busse und Lastwagen energieeffizienter und sicherer unterwegs sind als konventionelle, leitet der Experte aus den Ergebnissen zahlloser Tests ab, die eben diese Feststellung beweisen. Begründung: Es gibt keine Fahrerin und keinen Fahrer, der oder die ermüden und Fehler machen können. Indem die Fahrzeuge untereinander und mit der Verkehrsinfrastruktur wie etwa Ampeln und Haltestellen kommunizieren, lassen sich zudem die Taktung optimieren, Wartezeiten reduzieren, die Verlässlichkeit erhöhen sowie bis dato unwirtschaftliche Strecken und Zeiten in den Fahrplan aufnehmen, fasst der DLR-Fachmann zusammen.

Damit autonome Fahrzeuge, Künstliche Intelligenz (KI) im Straßenverkehr und vernetzte Infrastruktursysteme jedoch kein Sicherheitsrisiko darstellen, fordert der TÜV-Verband klare Regeln für KI, Datenzugang und Cybersicherheit. Als pragmatischen Einstieg empfehlen die Fachleute für technische Sicherheit, den Einsatz autonomer Fahrzeuge zunächst gezielt dort auszubauen, wo sie sich bereits bewähren: zum Beispiel in Pilotbetrieben in klar definierten Anwendungsfeldern des Logistikverkehrs – etwa auf Werksgeländen oder klar definierten Hub-to-Hub Routen zwischen Logistikzentren.

Korridore für automatische Fahrzeuge

Diese Einsatzbereiche können demnach perspektivisch ergänzt werden um sogenannte „Automated Driving Corridors“. Darunter versteht der TÜV-Verband ausgewiesene Bereiche, in denen Fahrsituationen mit vergleichsweise geringerer Komplexität vorherrschen. Sie böten die Möglichkeit, Systeme unter realen Bedingungen zu etablieren, Prüfprozesse zu standardisieren und regulatorische Anforderungen evidenzbasiert weiterzuentwickeln, begründet der Verband seinen Vorschlag. Die Idee dahinter: So soll Vertrauen in autonome Technologie wachsen – ohne Sicherheitsrisiken für die Allgemeinheit.

In dem Zusammenhang warnt der Verband vor einer regulatorischen Grauzone, wie er sie in den USA gegeben sieht – mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Dort stellte die General-Motor-Tochter Cruze nach einem schweren Zwischenfall eines Robotaxis mit einem Fußgänger im Oktober 2023 den Betrieb dieser autonomen Fahrzeuge zunächst zeitweise und später ganz ein. Mit der Folge, dass große Konkurrenten in diesem Bereich inzwischen nicht mehr an den Erfolg des Robotaxis glauben, wie das Handelsblatt resümiert.

Die jüngsten Robotaxi-Pilotprojekte in den USA belegen aus Sicht des deutschen TÜV-Verbandes, „wie schnell reine Marktimpulse ohne flankierende Transparenz- und Prüfvorgaben zu Sicherheitslücken und Akzeptanzproblemen führen“. Auch, weil eine unabhängige technische Überwachung fehlt und Behörden keinen Einblick in KI-Updates oder Notfallprotokolle erhalten, wie der Verband hinzufügt. „Wir sehen, dass fehlender Zugang der Aufsichtsstellen zu Echtzeitdaten und Software-Änderungen den Blick auf die tatsächliche Risikolage versperrt“, erklärt TÜV-Experte Richard Goebelt, Fachbereichsleiter Fahrzeug & Mobilität beim TÜV-Verband.

Verbindliche, EU-weite Regeln

Um in Europa solche regulatorischen Grauzonen zu vermeiden, fordert der TÜV-Verband daher verbindliche, EU-weit harmonisierte Regeln für fahrzeuggenerierte Daten, ein unabhängiges Third-Party-Prüfschema für sicherheitskritische KI-Systeme und eine leistungsfähige Prüfinfrastruktur über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus. „Der Regelbetrieb von Level-4-Fahrzeugen wird nur dann Realität, wenn Rechtsrahmen, technische Standards und unabhängige Prüfstellen dieselbe Sprache sprechen“, ist Goebelt überzeugt.

Damit die Gesellschaft sie akzeptiert, müssten autonome Systeme nachprüfbar sicher sein, postuliert der Experte. „Ohne Sicherheit kein Vertrauen – und ohne Vertrauen keine Akzeptanz für autonome Mobilität“, macht Goebelt deutlich. Und fügt hinzu: „Die Menschen erwarten zu Recht, dass neue Technologien nicht nur funktionieren, sondern auch sicher sind. Dafür braucht es verbindliche Regeln und unabhängige Prüfungen.“

In Deutschland liefert die Autonome-Fahrzeuge-Genehmigungs- und Betriebsverordnung (AFGBV) bereits den kompletten Rechtsrahmen: Sie regelt die zweistufige Genehmigung aus Fahrzeugtyp und Betriebsbereich. Was aus Sicht des TÜV-Verbandes noch fehlt: Serienfahrzeuge und Praxiserfahrungen, um das System im Alltag zu etablieren. Auch auf EU-Ebene seien mit dem Cyber Resilience Act, dem AI Act und dem Data Act alle wesentlichen Bausteine vorhanden, meint die Organisation für technische Sicherheit. Sie hält es jetzt für entscheidend, diese Vorgaben in konkreten Projekten anzuwenden und die dort gewonnenen Daten schnell in Standards und Prüfverfahren zu überführen.

Darüber hinaus fordert der TÜV-Verband eine stärkere europäische Koordinierung, etwa durch einheitliche Genehmigungsverfahren, verbindliche Sicherheitsanforderungen und den Aufbau grenzüberschreitender Testkorridore. „Deutschland und Europa müssen die Einführung autonomer Fahrzeuge aktiv gestalten – mit klaren Regeln, verlässlichen Prüfprozessen und einer innovationsfreundlichen Verwaltung“, betont Goebelt.

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