Das Europäische Parlament definiert Kreislaufwirtschaft als ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden. Auf diese Weise soll der Lebenszyklus von Produkten verlängert werden. Als Folge davon wird wiederum erwartet, dass in der Praxis Abfälle auf ein Minimum reduziert werden. Nach Angaben des Europaparlaments produziert die Europäische Union jährlich mehr als 2,5 Milliarden Tonnen Abfall.

Der wesentliche Gedanke hinter der „Circular Economy“ ist, dass ein Produkt am Ende seiner Lebensdauer nicht einfach weggeschmissen wird, sondern die entsprechenden Ressourcen und Materialien so weit wie möglich in der Wirtschaft verbleiben: Sie werden also immer wieder produktiv weiterverwendet, um weiterhin Wertschöpfung zu generieren. Dies will die EU mit neuen Rechtsvorschriften erreichen, die den Übergang von einer Linearwirtschaft zu einer Kreislaufwirtschaft fördern sollen. Dabei steht die Kreislaufwirtschaft im Gegensatz zum traditionellen, linearen Wirtschaftsmodell der „Wegwerfwirtschaft“. Letztgenanntes Modell funktioniert jedoch nur, wenn große Mengen billiger, leicht zugänglicher Materialien und Energie zur Verfügung stehen.

Und in dieser Hinsicht erleben wir derzeit nun mal die viel zitierte „Zeitenwende“. Sie beinhaltet insbesondere das Prinzip der Nachhaltigkeit im Sinne von Ressourcenschonung und Klimaneutralität, wie dies nicht nur die sogenannten Vorausdenker schon seit Längerem fordern. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist zudem die übergroße Abhängigkeit der Industrien in den EU-Staaten von Rohstofflieferungen aus Drittländern und preiswerter Energie deutlich geworden.

Auf diese veränderten Rahmenbedingungen und auf die Pläne der EU zur Weiterentwicklung der europäischen Kreislaufwirtschaft als eine zentrale Säule des „Green Deals“ der EU-Kommission, wie sie auch in dem sogenannten Action Plan „Circular Economy“ der Brüsseler Kommission vom März 2020 zum Ausdruck kommen, reagiert Stellantis nun mit einem großen eigenen Schrottplatz am italienischen Standort Mirafiori. Die Eröffnung des als „Circular Economy Center“ bezeichneten Projekts ist für 2023 geplant. Dort sollen zukünftig Altfahrzeuge demontiert und als Ersatzteile für einen neuerlichen Einsatz überholt werden.

Man strebe nach der maximalen Verlängerung der Lebensdauer von Fahrzeugen und Ersatzteilen, zitiert das „Handelsblatt“ hierzu den Automobilhersteller. Materialien und Altfahrzeuge will der Konzern demnach konsequent in den Produktionskreislauf rückführen, damit daraus neue Fahrzeuge und Produkte entstehen können.

Allerdings treibt Stellantis dabei nicht allein der Nachhaltigkeitsgedanke an. Vielmehr ist das „Circular Economy Center“ auch Teil eines neuen Geschäftsmodells, das nicht nur der aus der Fusion der Automobilkonzerne Fiat Chrysler Automobiles (FCA) und der Peugeot-Gruppe (PSA) hervorgegangene europäisch-US-amerikanische Konzern verfolgt. Auch andere Produzenten – nicht allein aus der Autobranche – haben unterdessen die Zeichen der Zeit in Form der EU-Vorgaben zum Recycling sowie den gewachsenen Wert und die weiter steigende Bedeutung von Sekundärmaterialien erkannt. So hat etwa BMW vor, den Anteil wiederverwerteter Materialien in seinen Fahrzeugen von derzeit im Mittel 30 auf 50 Prozent zu erhöhen. Bei diesen Plänen haben die Unternehmen durchaus auch wirtschaftliche Interessen: So will etwa Stellantis den Erlös aus recycelten Materialien und Teilen gegenüber 2021 verzehnfachen. Bis 2030 soll der Umsatz des neuen Geschäftsbereichs „Circular Economy“ auf 2 Milliarden Euro steigen, heißt es.

Auch bei dieser grünen Zeitenwende erweist sich wiederum die Digitalisierung als der Schlüssel zum Erfolg. Experten sprechen bereits von einer „digital-ökologischen Industrietransformation“. Digitalisierung und die verstärkte Nutzung von Daten der vielen Akteure entlang der Wertschöpfungskette seien der Schlüssel zum Erfolg der Circular Economy, fasst Dr.-Ing. Stephan Ramesohl, Co-Leiter des Forschungsbereichs Digitale Transformation am Wuppertal Institut, die Ergebnisse einer aktuellen Studie zum Thema „Circular Economy und Digitalisierung“ zusammen. Danach sollten Unternehmen und Politik die „Circular Economy“ und die digitale Transformation der Wirtschaft als eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe begreifen, wie Dr. Holger Berg, ebenfalls Co-Leiter des Forschungsbereichs Digitale Transformation und Mitautor der Studie, ergänzt.

So definieren die Verfasser der Studie denn auch den strategischen Handlungsbedarf: von gemeinsamen Datenmodellen und Software-Architekturen für einen digitalen Produktpass bis hin zum Aufbau von Datenräumen, also gemeinschaftliche Infrastrukturen für Datenspeicherung und -verarbeitung. Hierbei sehen die Forscher des Wuppertal Instituts insbesondere die Politik gefordert, einen Plan zu entwerfen, der die „Circular Economy“ mit digitalen Lösungen verknüpft, um so einen übergeordneten Rahmen und Anreize für eine digital-ökologische Wirtschaftspolitik zu schaffen.

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